Ein Roman: “Die Wiederentdeckung der Langsamkeit”

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Da lag sie die Hülle eines vergangen Wesens, leblos, einfach weggeworfen, lieblos entsorgt. Es war kein Wesen, weder Mensch noch Tier. Nein, es war etwas körperloses und doch lag es da, die Hülle eines gehetzten Wesens. Es war einer der ersten Sommertage, die Luft war frisch. Die Sonne hing wie ein großer roter Ball auf der Spielfläche am Horizont der noch feuchten Wiesen. Riesig wirkte die für den Menschen ewig währende Sonne. Wenige Dunststreifen zogen am Himmel vorbei, es war friedlich. Selbst die rasenden Autos unter der Brücke in Richtung der sich jeden Moment verwandelnden Sonne – langsam von gleißend-gelb zu karminrot – konnten das Bild nicht trügen.

Da lag sie die Hülle eines gehetzten Wesens, am Wegesrand einer Autobahn. Man konnte sich bildlich vorstellen wie die Autofahrer mit dem Feuerball am Horizont, der für sie Blendwerk war, zu kämpfen hatten. Trotz der objektiven Schönheit dieses ersten Sommertages konnten sie keine Begeisterung für den Moment gewinnen. Die Geschwindigkeit ließ nicht zu, den Blick zu erheben gen Sonnenuntergang. Und trotzdem waren sie glücklich, sie kannten den Moment ja aus ihrem letzten Urlaub auf Fuerteventura, wo die Sonne gar ins Meer abtauchte.

Die Vögel zwitscherten, doch in der Fahrerkabine des Audi 8 spielte Musik, Sommermusik. Ob es nun The Doors oder auch John Lee Hooker gemeinsam mit Miles Davis waren, das konnte es, das nun leblose Wesen, nicht mehr sagen. Vielleicht war es auch irgendeine der unzähligen CDs mit Sommerhits, die in der leidenschaftlichsten aller Jahreszeiten, ihre skurrile Existenzberechtigung hatten. Gebrannt auf Rohlinge, die nun veredelt waren und Geschichten erzählten; von Momenten des Glücks und des Unglücks, von der Leidenschaft des Sommers, von Liebe und Müßiggang. Der Fahrer des Audi ließ sich erst fallen, dann treiben. Trotz seiner Ray-Ban Sonnenbrille blendete die Sonne – es gab diesen Moment, in dem weder die getönten Scheiben noch der Sichtschutz eine freie Sicht auf die Fahrbahn erlaubten. Wie in Trance fuhr er sicher dem Sonnenuntergang entgegen. Wie in seinem heiß geliebten Geschwindigkeitsspiel Wipe Out auf seiner Playstation; er kannte diese Momente, in denen nichts Außergewöhnliches passieren durfte. Jedes plötzliche Manöver, jeder abrupte Fahrbahnwechsel tödlich enden konnte und der Spass ist vorbei. Kein Surfurlaub mehr, keine Grenzsituationen auf dem Meer oder in den verschneiten Bergen der Andorra, kein Glück für den Moment, kein flüchtiger Sex mehr mit einer der hübschen, jungen Frauen, die ihn mochten und zuhörten. Es war die Mischung aus seinem sportlichen Wesen, seiner Intelligenz und seiner mäßigen Bildung, sein charmantes Halbwissen, was ihn so erfolgreich bei den Frauen machte.

Das zuvor noch gehetzte, nun leblose Wesen lag am Wegesrand der Autobahn, körperlos, geistlos, tot, abgestoßen, lieblos entsorgt. Eben noch hatte es, das Wesen, erzählt von kleinen Abenteuern und Forschungsreisen. In kurzen Abständen, gehetzt, getrieben aus der Welt, in die Welt berichtet, Individuelles auf der getriebenen Bühne des Internets einem ihm, dem Wesen, größtenteils unbekannten Publikum Geschichten erzählt. Aber da lag es nun, das Wesen, eine Chimäre der Moderne. Eben noch gut gelaunt, ein kleines, letztes Video der Nachwelt vermacht. Ein Video, welches mit den idiotensicheren, vorgefertigten Handgriffen eines Mac so simpel zu produzieren war, dass das Wesen den Spaß daran verlor. Es war sich auch nicht sicher, das Wesen, die Chimäre, ob es überhaupt verstanden werden würde. Wer um Himmels Willen schaut sich schon mit Begeisterung ein Video an, in dem die stylische bis kitschige Schrift einen Klangteppich ankündigt, der nun wirklich störend bis langweilig wirkt und dessen Zauber sich erst dem, der es selber kennt, offenbart. Die Realität produziert sich nicht selber, sie ist Bühne für Geschichte, für Geschichten, dachte sich das Wesen, die Chimäre. Die Erzählung darüber, die Erzählung, die sich Zeit lässt, sie ist Erzählung. Alles andere ist flüchtig und Flucht. Die Chimäre, das Halbwesen setzte einen letzten Punkt und schloss ab.

Der Audi-Fahrer schoss unter der Brücke hindurch, dem roten Feuerball entgegen, er hörte den Aufprall gar nicht, er war viel zu leise. Es, das Wesen war körperlos, nur eine Idee, eine Chimäre und doch ein Wesen, jetzt gewesen. Der Audi-Fahrer war kein Depp, nur ein bisschen überheblich, er drehte die Anlage auf, schon als Jugendlicher liebte er dieses Lied: Break on through to the other side. Jim Morrison hatte schon immer funktioniert, dachte er sich, als sich plötzlich der Verkehrsfunk in die Szenerie drängt. Ein Piepton, ein Fluch, eine fremde Stimme: „Biergartenwetter, freie Fahrt auf allen Straßen“ flötete der gestelzt fröhlich wirkende Moderator in sein Mikro. „Scheiß Verkehrsfunk“, schimpfte der ansonsten so charmante Audi-Fahrer.

„Radio kann so schön sein“, dachte ich und schrieb folgenden Satz:

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