“WM in Russland: Ist die Party noch zu retten?”

Ein, wie ich finde, mal wieder hervorragender Artikel von Holger Gertz über das vermeintliche Brückenbauen bei einer Weltmeisterschaft.

Süddeutsche Zeitung Seite Drei Holger Gertz

Der Artikel ist bei weitem mehr wert, als der Tagespass SZ-Plus kostet.

Javier wünscht eine gute Lektüre. Nach dieser benötigt die geschätzte Leserin, der geschätzte Leser Zeit zum Nachdenken.

 

Ist die Party noch zu retten?

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Bilder, die ich nicht knipste

Die Via Pignasecca im Herzen der Stadt Neapel. Ein Markt, vergleichbar einem Suq – wie so oft in den Hafenstädten des Mittelmeers, eben entlang der Straße. Der Blick auf nur einen ganz kleinen Ausschnitt der Via Pignasecca gerichtet. Eine grau-braun verputzte Fassade, fad. Die offene Tür bedeutet Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Passanten ziehen vorüber, kaufen ein oder begeben sich auf dem schnellstmöglichen Weg von der geschäftigen, modernen Ladenzeile – der Via Toledo – hin zur Metro- und Seilbahnstation Montesanto; der schnellste Weg auf den heiligen Berg ist der Funicolare. Draußen an der faden Fassade – sie könnte ein jedes Haus an einem jeden Ort zieren – zeigt sich die Seele der Stadt: Verzierung, Verzerrung der Wirklichkeit, ein buntes Farbspiel. Requisiten in diesem Ausschnitt eines lebendigen Bildes? Kunststoff-Küchenbretter mit integriertem Schneidemesser in blau, grün, rot und orange. Die Wand – so aschfahl – ist nur die Grundierung des Bildes. Farbkleckse schaffen ein Mosaik, ein modernes Mosaik ohne Motiv. Küchenbretter in Reih und Glied bis in zwei Meter Höhe, bunt. Produkte aus China, von denen man annehmen könnte, sie erblickten das Licht dieser Welt nur, um die Fassade dieses Hauses in der Via Pignasecca von Neapel zu verzieren. Davor – in der Auslage – weitere Küchenutensilien in Signalfarben. Espresso-Maschinen, Töpfe, Durchschläge, Besteck. Alles wohlsortiert, alles hat seinen Platz.

Dieser sehr bunte Ausschnitt – nur einen Spalt breit – eines nicht gemachten Bildes, also Fotos, gibt den Grundton vor. Der Blick auf den Marktstand ist gleichsam eine Verortung des Bildmotivs. Die historische Pflasterung erzählt von der Geschichte der Stadt, vom Reichtum einstiger Seeherrschaft. Der Türrahmen und damit die offenstehende Tür eröffnet das Bild nach draußen auf die Straße auf das Leben, das vorbeirauschende Leben, welches für andere warten bedeutet, das Warten auf Kundschaft. Wie ein Pfau baut sich das Geschäft vor den Augen der Passanten auf. Kaufen ist hier in diesem Teil der Stadt nicht sinnloser Konsum, nicht entfesselter Kapitalismus, es ist wie ein Tausch von Leben gegen Lebenlassen, Handel auf Augenhöhe. Wo haben wir noch das Gefühl etwas zu kaufen, weil wir wissen, daß der Gegenüber unmittelbar von diesem Akt des Kaufens überlebt? Im sterbenden, dahinsiechenden Einzelhandel? Im Cupcake-Laden um die Ecke? Das individuelle Produkt geschaffen, um einen solchen Handel auf Augenhöhe romantisch zu verklären? In den Gaststätten? Wird deshalb selbst in Zeiten der Krise gefressen und gesoffen, weil das Geld eben hauptsächlich über den Tresen geschoben und nicht an- und weggelegt wird?

Die Räumlichkeit einer seit 1965 bestehenden Tripperia in der Via Pignasecca hat nichts farbenfrohes und nur einen winzig kleinen Tresen, vergleichbar einer Durchreiche. Der Boden ist gefliest, die Küche, die vormals sicher offen war, ist abgetrennt durch eine moderne, praktische Schiebetürkonstruktion aus Glas und Aluminium. Vom hintersten Tisch aus zeigt sich der Raum größer als er tatsächlich ist. Fünf Tische stehen bereit, um die Gäste zu bewirten. Die Milchfarbenen Fenster zur Küche lassen eine moderne Kücheneinrichtung erahnen, die Materialien sind nicht Holzbrett und Holzlöffel, nein alles ist aus Metall beschaffen; leicht zu reinigende Oberflächen, alles mitteleuropäischer Standard. Nur das kleine Schaufenster, in dem Zitronen und die Trippa an Fleischerhaken hängen – sie, die Trippa, die also nichts mit dem Tripper zu tun hat, sondern das italienische Wort für Kutteln ist – nur dieses kleine Schaufenster wirkt fremd, unbekannt und verrät einen nicht standardisierten, mitteleuropäischen Geschmack, verpönte Küche eben. Eine Wasserfontäne nässt die Arme-Leute-Spezialität in einem fort. Sie suggeriert Frische und Reinheit, für viele schwerlich zu vermitteln, handelt es sich bei Kutteln doch um einen Teil des Kuhmagens. Es tröpfelt.

Die Wände sind kahl. Linkerhand – sicherlich keine Absicht – läßt sich die Schiebetür ein wenig öffnen. Zwei Frauen, eine jüngere um die 30, die andere sicher älter als 55, verrichten ihre Arbeit. Große Töpfe, alles sauber, alles. An der Türfront kann man lesen, dass es einen Innensaal gibt, sala interna. Nur an einer Wand hängt ein Bild, nur ein einziges Bild, nicht mal groß. Vielleicht etwas größer als ein Din-A4-Blatt. Maradona. Madonna, was für ein Bild in diesem Szenario. Es wirkt geradezu kunstvoll installiert, nur das eine Bild. Keine weitere Postkarte, kein Aufkleber oder Heiligenbildchen in den Bilderrahmen gesteckt, wie der Flaneur es so häufig in den Straßen von Neapel sieht. Maradona als Anhäufung so vieler Wünsche und Versprechungen, wo das Eine auf das Andere folgt. Das eine Bild, welches das andere verlangt bis kein Platz mehr ist und sich die Bilder vor- und hintereinanderschieben. Wie auf einem öffentlichen WC, wo der eine Spruch die Einladung zur fröhlichen Kommunikation in schriftlicher Kurzpoesie ohne Ende ist. Nein, da hängt das eine Bild. Ein einziges Bild. Es ist kein Bild mit dem Wappen des Vereins, kein Bild mit einem Schriftzug versehen, kein Copyright, kein nichts, nur das Bild, das Abbild einer Ikone. Ist es der Originalabzug eines Fotos? Gleich einem heiligen Moment der göttlichen Nähe zu Gott, zu Maradona? Ein Foto im Moment des Jubels, des Triumphes eines Tores? Der Fotograf dem Fußballer so nah, wie sonst nie, in einer Zeit analoger Photographie? Der Geistesblitz, der Moment eines Augenaufschlags.

Die Google-Suche „Marodona tanzt“ ergibt keine befriedigenden Ergebnisse. „Maradona balla“, also tanzt, auch nicht. Das Bild, das Foto, das Abbild in der Tripperia in der Via Pignasecca hat etwas heiliges, etwas einzigartiges als ob der Chefkoch selbst das Foto gemacht hätte – auf Augenhöhe, dem Idol so nah. Die Halle, so karg, so metallen, so milchglasig, die Tische so geschaffen, dass sie weitere 45 Jahre die Bühne der Trippa stellen? Alles hergerichtet für den Moment des heiligen Tanzes, des Sieges. Das Bild aus den achtziger Jahren: die reine Freude, eine kindliche, unbekümmerte Freude, die dem Protagonist, dem fußballerischen Genie so leicht „über die Hüften geht“. Ein Tanz, der in anderen Teilen der Erde als Jubel erst gesehen werden musste, um ihn dann zu pädagogisieren. Jubel, fühl dich frei, zeig deine Freude, kehre dein Inneres nach außen!? Spektakel! The Kick sells! Maradona tanzt. Leidenschaft, die Leiden schafft. Sie berührt. Sie bewegt. Sie macht das Leben aus.

Vor mir auf einem schweren Metalltisch steht ein Teller. Ein dampfendheißer Teller. Trippa in ihrer schönsten Form. Eine rote, sämige Tomatensauce, vereinzelte kleine Tomaten, saftig wie die Sonne des Südens. Ein Anblick der jeden Genießer erstarren läßt. Rot-Weiß-Grün, Tomate, Trippa und Basilikum. Was für ein Bild, was für ein Gesamtbild.

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Bei der Arbeit in Mazzara del Vallo

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First Years of “Reisehalbleiter”: Superhübsch!

Der Reisehalbleiter wünscht ein wunderbares Jahr 2014.

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Here you are

Das Radiofeature auf Deutschlandfunk am 6.8.2013 um 19:15 Uhr.

Ballarò – Ein Markt der Kulturen in Sizilien

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Die Idee, die da war, die da wird

Auf diesen Seiten beging der Autor seine ersten Schritte in die kulturelle Öffentlichkeit. In der Schlagwortwolke können Sie diese Schritte nachverfolgen. Im Fokus stand das Projekt Ballarò: Marktplatz der Kulturen; ein Radio-Feature und gleichzeitig eine Dissertation im Fachbereich Kulturwissenschaft der Universität Bremen.


Aus den Erfahrungen als Blog-Autor einerseits und als freiberuflicher Journalist andererseits entsteht nun ein neues Projekt: ein ethnographischer Roman zwischen Fiktion und Dokumentation mit Fokus auf das Potenzial der Vermittlung ethnographischen Wissens im Internet.

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Ein Roman: “Die Wiederentdeckung der Langsamkeit”

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Da lag sie die Hülle eines vergangen Wesens, leblos, einfach weggeworfen, lieblos entsorgt. Es war kein Wesen, weder Mensch noch Tier. Nein, es war etwas körperloses und doch lag es da, die Hülle eines gehetzten Wesens. Es war einer der ersten Sommertage, die Luft war frisch. Die Sonne hing wie ein großer roter Ball auf der Spielfläche am Horizont der noch feuchten Wiesen. Riesig wirkte die für den Menschen ewig währende Sonne. Wenige Dunststreifen zogen am Himmel vorbei, es war friedlich. Selbst die rasenden Autos unter der Brücke in Richtung der sich jeden Moment verwandelnden Sonne – langsam von gleißend-gelb zu karminrot – konnten das Bild nicht trügen.

Da lag sie die Hülle eines gehetzten Wesens, am Wegesrand einer Autobahn. Man konnte sich bildlich vorstellen wie die Autofahrer mit dem Feuerball am Horizont, der für sie Blendwerk war, zu kämpfen hatten. Trotz der objektiven Schönheit dieses ersten Sommertages konnten sie keine Begeisterung für den Moment gewinnen. Die Geschwindigkeit ließ nicht zu, den Blick zu erheben gen Sonnenuntergang. Und trotzdem waren sie glücklich, sie kannten den Moment ja aus ihrem letzten Urlaub auf Fuerteventura, wo die Sonne gar ins Meer abtauchte.

Die Vögel zwitscherten, doch in der Fahrerkabine des Audi 8 spielte Musik, Sommermusik. Ob es nun The Doors oder auch John Lee Hooker gemeinsam mit Miles Davis waren, das konnte es, das nun leblose Wesen, nicht mehr sagen. Vielleicht war es auch irgendeine der unzähligen CDs mit Sommerhits, die in der leidenschaftlichsten aller Jahreszeiten, ihre skurrile Existenzberechtigung hatten. Gebrannt auf Rohlinge, die nun veredelt waren und Geschichten erzählten; von Momenten des Glücks und des Unglücks, von der Leidenschaft des Sommers, von Liebe und Müßiggang. Der Fahrer des Audi ließ sich erst fallen, dann treiben. Trotz seiner Ray-Ban Sonnenbrille blendete die Sonne – es gab diesen Moment, in dem weder die getönten Scheiben noch der Sichtschutz eine freie Sicht auf die Fahrbahn erlaubten. Wie in Trance fuhr er sicher dem Sonnenuntergang entgegen. Wie in seinem heiß geliebten Geschwindigkeitsspiel Wipe Out auf seiner Playstation; er kannte diese Momente, in denen nichts Außergewöhnliches passieren durfte. Jedes plötzliche Manöver, jeder abrupte Fahrbahnwechsel tödlich enden konnte und der Spass ist vorbei. Kein Surfurlaub mehr, keine Grenzsituationen auf dem Meer oder in den verschneiten Bergen der Andorra, kein Glück für den Moment, kein flüchtiger Sex mehr mit einer der hübschen, jungen Frauen, die ihn mochten und zuhörten. Es war die Mischung aus seinem sportlichen Wesen, seiner Intelligenz und seiner mäßigen Bildung, sein charmantes Halbwissen, was ihn so erfolgreich bei den Frauen machte.

Das zuvor noch gehetzte, nun leblose Wesen lag am Wegesrand der Autobahn, körperlos, geistlos, tot, abgestoßen, lieblos entsorgt. Eben noch hatte es, das Wesen, erzählt von kleinen Abenteuern und Forschungsreisen. In kurzen Abständen, gehetzt, getrieben aus der Welt, in die Welt berichtet, Individuelles auf der getriebenen Bühne des Internets einem ihm, dem Wesen, größtenteils unbekannten Publikum Geschichten erzählt. Aber da lag es nun, das Wesen, eine Chimäre der Moderne. Eben noch gut gelaunt, ein kleines, letztes Video der Nachwelt vermacht. Ein Video, welches mit den idiotensicheren, vorgefertigten Handgriffen eines Mac so simpel zu produzieren war, dass das Wesen den Spaß daran verlor. Es war sich auch nicht sicher, das Wesen, die Chimäre, ob es überhaupt verstanden werden würde. Wer um Himmels Willen schaut sich schon mit Begeisterung ein Video an, in dem die stylische bis kitschige Schrift einen Klangteppich ankündigt, der nun wirklich störend bis langweilig wirkt und dessen Zauber sich erst dem, der es selber kennt, offenbart. Die Realität produziert sich nicht selber, sie ist Bühne für Geschichte, für Geschichten, dachte sich das Wesen, die Chimäre. Die Erzählung darüber, die Erzählung, die sich Zeit lässt, sie ist Erzählung. Alles andere ist flüchtig und Flucht. Die Chimäre, das Halbwesen setzte einen letzten Punkt und schloss ab.

Der Audi-Fahrer schoss unter der Brücke hindurch, dem roten Feuerball entgegen, er hörte den Aufprall gar nicht, er war viel zu leise. Es, das Wesen war körperlos, nur eine Idee, eine Chimäre und doch ein Wesen, jetzt gewesen. Der Audi-Fahrer war kein Depp, nur ein bisschen überheblich, er drehte die Anlage auf, schon als Jugendlicher liebte er dieses Lied: Break on through to the other side. Jim Morrison hatte schon immer funktioniert, dachte er sich, als sich plötzlich der Verkehrsfunk in die Szenerie drängt. Ein Piepton, ein Fluch, eine fremde Stimme: „Biergartenwetter, freie Fahrt auf allen Straßen“ flötete der gestelzt fröhlich wirkende Moderator in sein Mikro. „Scheiß Verkehrsfunk“, schimpfte der ansonsten so charmante Audi-Fahrer.

„Radio kann so schön sein“, dachte ich und schrieb folgenden Satz:

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There’s only one language – called music

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For those, who stay in Bremen. Meet them, hear them!

Subtitles coming soon…

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Arrivederci Roma

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Rom: Klänge abseits der Touristenströme

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