Pippo Augusto

Die Legende vom Ballarò: Schaupieler. Auf diesem Photo stellt der würdig gealterte Mann Provenzano nach, mit dem typischen Gesichtsausdruck. Man sagt, er habe unter anderem in dem Film Malacarne mitgewirkt. In mehr als zwanzig Spielfilmen soll er sein schauspielerisches Geschick gezeigt haben. Pippo Augusto ist jedoch nur der Spitzname. Das erschwert die weitere Recherche. Er ist inzwischen so gebrechlich, dass er auf Hilfe anderer angewiesen ist. Da er nicht auf die ballarotische Gesellschaft verzichten will, helfen ihm Freunde, sich von einem Ort zum anderen zu begeben. Gerne trinkt er ein Gläschen Weißwein. Allerdings solo un mezzo bicchiere in einem Plastikbecher, welcher in diesem Fall sogar vom Reisehalbleiter akzeptiert wird, da er den Becher recht unsicher an die Lippen führt. Mal sehen, was die weitere Recherche ergeben wird. Mezzo bicchiere: 25 Centesimi. Salute Pippo!

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Don Giovanni d’Andrea

Das geistige Oberhaupt der Parocchia Santa Chiara, der ersten Anlaufstelle für Migranten und Ballaroten (seine Wortschöpfung), die bedürftig sind, die einen Raum für Aktivitäten jedweder Art (heilige Messe in english, internationales Handballturnier, Dame-Spiel, Lernort, Kinderbetreuung) suchen. Anlaufort auch für diverse Anthropologen, die sich dem Feld nähern.

Schon im Oktober 2010 führte ich ein Interview: natürlich gibt es Probleme, aber tutto sommato viviamo una buona integrazione. Unser Handballtrainer ist diplomierter Sportpädagoge. Hier im Ballarò verkauft er Turnschuhe, um sein täglich Brot zu verdienen.

Im ganzen Gebäude herrscht natürlich Rauchverbot. Nur sein rumänischer Assistent und Sekretär hockt in seinem Büro, ständig im Internet recherchierend, und schmöckt die Bude voll. Jederzeit zuvorkommend. Don Giovanni d'Andrea hat einen Erziehungsauftrag. Die Kinder hier sind besonders unruhig. Seine an die benachbarte Schule gerichteten Vorschläge, den Kindern, die am Nachmittag ins Santa Chiara kommen, jede zweite Stunde mit körperlichen Aktivitäten die Unruhe aus ihren Leibern zu vertreiben, damit sie aufmerksam den Lehrern lauschen können: abgeprallt. Einfach hat er es nicht mit all den "Vorstadtkindern" im Herzen von Palermo.

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Zia Maria

Nicht zu verwechseln mit der Maria aus dem Santa Chiara. Als ich sie das erste Mal sah: Ma non sente freddo? Als ich mich von ihr verabschiedete: Ma non senti freddo? Im palermitanischen Winter war die Frage berechtigt, sie hatte schließlich nur wenig mehr an, ihr war aber gar nicht kalt. Wie auch, bei dem Temperament?! Im palermitanischen Sommer eher ein kleines Spiel. Maria wird die Mutter des Ballarò genannt. Sie paßt auf, dass niemand sich daneben benimmt, dass vielmehr derjenige oder diejenige, die sich daneben benimmt, in die Schranken gewiesen wird. Sie hat alles im Griff in der Bar Messina. Das heißt besonders den Platz vor der Bar Messina. Was zu späterer Stunde bei Anwesenheit der tunesischen Diaspora gar nicht ohne ist.

Wenn man sie um ein Glas gekühlten Weißwein bittet, bittet sie den Durstigen wiederum, einen der Forst-Tiefkühler zu öffnen und die Ein-Liter-Bügelflasche, die stets schockgekühlt wird, zu reichen. Sie befüllt das Glas, der Halbwirt nimmt die Flasche wieder entgegen, verräumt sie ordnungsgemäß und zahlt fünfzig Cent. Sie wird Zia oder Signora Maria genannt. Für jeden ist sie da, jeder/jede kann ihr sein/ihr Leid klagen. Sie hat stets offene Ohren. Längst hat sie tief in dein Herz geblickt, bevor du auch nur angefangen hast. Un saluto a Maria!

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Edmond

Edmond aus Ghana, von Guglielmo (Peru) auch l'americano genannt, weil dieser in den Siebzigern durch die USA tingelte, lebt schon seit mehr als zwanzig Jahren in Palermo. Er hat schon viel erlebt, den Neffen zweiten Grades namens Mario Balotelli in den Armen gehalten, ehe die leibliche Mutter sich entschied, den Sohnemann zur Adoption freizugeben. Heute ist dieser bekanntermaßen italienischer Fußballnationalspieler, steinreich, großgezogen in Mailand, aufgewachsen ist er wo? A Ballarò!

Der Freund von Edmonds Nichte heißt Nino und hilft, wo er kann. Er ist stolz einen italienischen "Neffen" zu haben. Als wir uns kennenlernten half ein Feuerzeug aus der Heimat, das Eis zu schmelzen. Edmond fragte nach dem famosen Tabak. Als er sah, wie flink ich drehte, entschied er sich seine Frage zu modifizieren: drehst du mir eine? Ich reichte ihm Rauchware und das Feuerzeug. Farbe: grün; Aufdruck: die Bremer Stadtmusikanten. Der Anthropologe erzählte also die Fabel aus Bremen und wir erlebten in der Folge eine tolle gemeinsame Zeit des Austauschs.

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Kerim

Kerim aus Tunesien: eine beeindruckende Persönlichkeit! Er fragt Katya, Mutter einer liebreizenden zweijährigen Tochter mit dem Namen Asía: e tu che fai nella tua vita? Niente! Allora già siamo in due. Die Kunst des Nichtstuns ist eine wirklich fantastische Kunst. Kerim hat mich in die Bar Messina eingeführt, mich mit diversen Menschen bekannt gemacht. Ich verdanke ihm viel. Die Tatsache, dass er - wie er sagt - mich nie nach einem Gefallen, einer Zigarette oder einem Glas Wein gefragt hat, ist charmant. Statt zu fragen, so Kerim höchstpersönlich, sagte er stets: dammi il tabacco, beviamo un bicchiere... Trickreich der Gute! Auf Arabisch KABISS, im Italienischen FURBO.

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Panormus

Modellbeispiel für einen antiken Hafen, ganz Hafen. Die Conca d’oro, ein Meer von Orangenhainen verleiht der Bucht die goldene Farbe. Von oben betrachtet etwas nicht definierbares. Golden nur historisch betrachtet. Man sagt, die Stadt sterbe seit tausend Jahren und sie stirbt immer noch. Die Menschen leben jeden Tag, als gäbe es kein gestern, vielleicht als gäbe es kein morgen.

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Figlio di secondo letto

Wenn der Vater bereits verheiratet war und dann Kinder mit einer anderen Frau bekommt, dann sagt man hier Sohn aus dem zweiten Bett.

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Indovinello arabo

Rätsel frei aus dem Arabischen:

Welcher Ort ist das?

Hier gibt es Pferde, aber kein Gewieher; Tote , aber keine Bestattung; einen König, aber kein Recht?

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Cara Graziella,

nun trennen sich unsere Wege. Was haben wir doch alles gemeinsam erlebt! Höhen und Tiefen, stressige Momente in Palermo, die wundervolle Ruhe in Caltagirone. Ich habe Dich ans Meer gebracht und Du mich auf die Hügel. Ich bedaure, dass ich Dich nun für einige Zeit verlassen muss. Aber, wie Du siehst, habe ich Dir einen guten Ruheplatz ausgesucht. Hier kannst Du Dich von all den Strapazen erholen, Du bist ja auch schon bald vierzig Jahre alt. Ja, ich bin auch nicht mehr der Jüngste, ich weiß. Ich hoffe, es wird Dir gut gehen. Emilio wird sich um Dich kümmern und Dir auch immer etwas zu trinken reichen, wenn es Dich dürstet. Es war eine schöne Zeit mit Dir. Fühl' Dich inniglich umarmt und verzeih' mir, dass ich Dich jetzt verlassen muss. Es warten soviel Aufgaben auf mich und bevor ich Dich in meine so genannte Heimat holen kann, muss ich mir erst eine Existenz aufbauen, schließlich willst Du ja gepflegt und versorgt werden. Ich werde die Synthonie, die ich mit Dir genossen habe, vermissen. Zuhause wartet ein britisches Fabrikat, welches ich erst mal herrichten muss, Du siehst viel erholter und gepflegter aus, vielleicht muss ich ihm einen Namen geben, dann geht es ihm besser. Ich werde Euch beide bekanntmachen, Ihr werdet Euch schätzen. Er grün, Du weiß, das passt doch!

Mille Grazie per i mille chilometri in Sicilia,

Tanti baci

Luca

Ps. Das war eine gute Idee von Dir, dass wir gestern zum Abschied noch eine Ehrenrunde auf der Piazza in Caltagirone gedreht, die Tausend voll gemacht haben. Und der Insolia, den ich auf Dich getrunken habe, wunderbar!

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Landleben, eine Kontrastlandschaft

Drei Monate Ballarò und dann? Das Landleben nahe Caltagirone wirkt wie eine Heilanstalt, ein Zauberberg. Die Vögel zwitschern, der Patient ruht, macht Fahrradwanderungen in den Wäldern der Umgebung, lebt nicht nur die Natur, sondern erfährt die „Nähe zum Brot“. Filippo hat sein eigenes Land, trauert innerlich, dass seine Kinder nichts damit anfangen können und wollen. Vor vielen, vielen Jahren hat der Bruder der Gastmutter Irene das Land, welches schon ihre Eltern beackert haben, gekauft. Früher hat man ausschließlich Weizen gesät und geerntet. Wenn das Gold Siziliens zu viel Sonne gesehen hat, dann entflammte es sich und es blieb nichts als verbrannte Erde und ein Trauerszenario vergleichbar demVerlust eines nahen Verwandten. All die Arbeit war dahin und der Ertrag ebenso. Er hat nach Wasser gegraben und hat es gefunden. In seinem Fundus: Hülsenfrüchte, Weizen, Wein, Mandarinen, Zitronen, Oliven, Zwiebeln, Knoblauch, Kartoffeln, ein Garten Eden.

Das Gemüse reicht ihm nicht, man will ja schließlich nicht nur Brot essen, Filippo züchtet Kaninchen. Auf drei Räume verteilt sich seine Zucht. Im ersten befinden sich die Jungtiere, nebenan ziehen drei Weibchen ihre Kleinen hoch, im dritten hocken Männlein und Weiblein und warten auf Inspiration für den Geschlechtsakt. Wenn die Mädels nicht mehr wollen, ja so ist das, dann gibt es eben Sugo. Er schrubbt das Nylon, wie er sagt, Folien, die unter den Käfigen ausliegen und den Kot aufsammeln. Er sagt: diese Arbeit macht sich heute kaum einer mehr. Statt die Behausungen der Tierchen zu pflegen und zu säubern, rufen sie den Veterinär. Eine Spritze hier, ein Medikament da, gesund ist das Tier. Se non vuoi lavorare, che ti resta? Vai a rubare, così trovi i carabinieri. Wenn Du nicht arbeitest, gehst Du klauen, auf diesem Wege machst Bekanntschaft mit den Ordnungshütern. Wenn Du dich um die Tiere kümmerst, dann brauchst Du keinen Veterinär. Wenn Du dich von dem Obst, dem Gemüse ernährst, welches Du selber anbaust, brauchst Du keinen Arzt. Hai capito? Eh, ho eccellentemente capito.

Nur Fliegen ist schöner, könnte man meinen. Der Alchemist, wie Irene sagt, setzt seinen Zaubertrank an. Zwei Kilo Pasta auf einem offenen Feuer in einer Art Abseite; fängt die Tür kein Feuer? Na, man muss halt vorsichtig sein! Ach. Ein Liter Milch hinein, alles schön aufquellen lassen, so auch meine Augen vor lauter Rauch in der Abseite, fertig. Pasta per tutti, für die Hühner und die Hunde. Betty, der von Filippos Kindern in der Stadt verzogene Kampfhund, bellt und attackiert, gut, dass er zuweilen angekettet ist. Essen fassen! Fass! Der Reisehalbleiter versucht sich bei dem ungeliebten Tier einzuschleimen, keine Chance! Elendes Viech. Die Sonne knallt dir auf den Schädel, die Fliegen fangen gegen Nachmittag an zu nerven, Erdkrümel wandern in die Schuhe, beginnen unter der Fußsohle zu scheuern. Die Grappa, die Filippo, destilliert hat, zeigt eine leichte schwarze Färbung. Non la faccio solo per berla. Aha, nicht nur zum Trinken? Na, dann Prost! Nur Fliegen ist schöner…

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