Hot Sand: Afrika in Sizilien

Ein Blick aus dem Fenster, ein Blick auf die Fensterscheibe, ein Blick auf die Fahrzeuge, ein Blick auf die Dachterrasse oder ein Blick auf das Blattwerk der Bäume in Palermo, was zeigt sich da? Sand, Sand und noch mal Sand. Das ist der Effekt des so genannten Scirocco, warmer Wind, der in diesem Fall Unmengen an Sand aus der Sahara auf die Dachterrasse eine Etage höher trägt. Was also die klimatischen Verhältnisse und damit die doch sehr heißen Temperaturen und jetzt wieder sehr kalten Nachttemperaturen in Deutschland betrifft, muss der Reisehalbleiter vor Ort feststellen: auch wenn es zeitweise in Bremen, Hamburg, Frankfurt oder Nürnberg heißer war als im tiefen Süden Italiens, Afrika ist Sizilien immer noch näher als irgendeine heiße Stadt nördlich der Alpen. Es gab also doch keine Verschiebung der Erdplatten.

Francesca, die Vermieterin, sagte, der Himmel habe ausgesehen wie das letzte Gericht. Alles dunkel, braun gefärbt, eine ganz sonderbare Brühe, die sich über Palermo ergossen hat. Was bleibt einem da anderes übrig, als auf sauberen Regen zu hoffen: Hot Sand auflegen (Link mit Rechtsklick in neuem Fenster öffnen), den Schlauch in die Hand nehmen und die Terrasse wässern, aber so richtig…

http://www.youtube.com/watch?v=VZhqqBHX9cA

Zur Verbildlichung des jüngsten Gerichts (der hausinterne Fotograf war nicht zugegen):

http://palermo.repubblica.it/cronaca/2011/05/02/foto/cielo_marrone_sopra_palermo_i_cittadini_chiamano_i_pompieri-15683644/1/

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Maria e Berlusconi

Maria ist Sizilianerin, sie unterrichtet an der Abendschule für Ausländer im Santa Chiara, hat unter anderem Theater studiert. Berlusconi ist Ministerpräsident Italiens, hat unter anderem auf Kreuzfahrtschiffen Schlager gesungen. Was unterscheidet diese beiden Personen? Richtig, Berlusconi genießt die Verjährung so mancher Steuerhinterziehung und Straftat. Maria hingegen ist eine gewöhnliche Bürgerin des vom Cavaliere regierten Italien, Verjährung genießt sie nicht. Sie hat also dieser Tage ein Strafmandat erhalten, nach dem sie aufgefordert ist, neunhundertdreizehn Euro, 913 (!!), an den Staatsapparat zu zahlen. Warum? Weil sie neunzehnhundertdreiundneunzig, 1993 (!!!!), falsch geparkt hat, eine Bagatelle, die verjährt, könnte man meinen. Weit gefehlt!

Da Maria aber eine intelligente Frau ist, folgt sie nicht dem Aufruf der Linken in Palermo, den heute in Palermo anwesenden Berlusconi fortzujagen. Sie tut stattdessen dem Land etwas Gutes und kümmert sich um die Sprachprobleme der Migranten.

Maria, Expertin für Spannungsbögen jeder Art, gerät gelegentlich in die Situation, sich nicht zu erinnern, warum sie dies oder jenes an die Tafel schrieb oder zeichnen ließ. Heute: Siracusa. Ludmilla, Ukrainerin, muss aufgrund der Erneuerung ihres Passes zur ukrainischen Botschaft dorthin reisen. Maria erklärt ihr flott, wie sie am besten hinkommt. Ogni ora c’è un pullman che ti porta a Catania. Poi devi chiedere. Der Experte für derartige Angelegenheiten wirft ein: Puoi anche prendere il treno da Catania a Siracusa. Maria erzählt sofort die Geschichte ihrer Zugfahrt von Palermo nach Gela. Acht Stunden hat sie im Zug gesessen, der Vorteil: sie hatte für ihr Studium ein Buch durchzuarbeiten. In Gela angekommen hatte sie es durch. Sie empfiehlt Ludmilla, die Stadt zu besichtigen und nicht nur die ukrainische Botschaft aufzusuchen. Visto che ci sono, perché no, erwidert Ludmilla. Maria hält einen kleinen Vortrag über die Geschichte des Theaters im Allgemeinen und über die erst nach Shakespeare auf der Bühne anzufindenden Frauen im Speziellen. Siracusa hat ein wundervolles griechisch-antikes Theater. Francesco, der Lehrer, der bis dato noch nichts gesagt hat aber dessen Telefon permanent klingelt, sprintet zur Tafel und malt ein solches Theater auf. Ja, sagt Maria (Francesco hat sich übertroffen, in dem er eine Maske aufmalte), die haben auch Masken benutzt, um die Stimme zu verstärken, traten zunächst nur zu zweit, später zu dritt auf, . Sie erklärt, erklärt und erzählt, Shakespeare in love fällt ihr noch ein, bellissimo questo film. Irgendwann fragt sie: Come siamo arrivati a questo tema? Ludmilla fährt morgen nach Siracusa. Ach ja.

Ich wünsche Ludmilla einen schönen Aufenthalt in Siracusa. Maria und allen anderen, eine baldige Abwahl und saftige Bestrafung Berlusconis. Wenn sie ein solches Versprechen bekäme, würde sie womöglich auch das Flugticket zahlen, auf dass der Kavalierskasper seinen vielleicht noch immer guten Freund in Libyen besuchen könnte.

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Homer Simpson-Effekt

Matt Groening, der Erfinder der Simpsons sagte einmal in einem SZ-Interview, seine Figur Homer Simpson sei vergleichbar mit George W. Bush. Der eine wie der andere ist nicht besonders intelligent, nicht besonders raffiniert, steht gerne im Rampenlicht, macht dabei aber eine schlechte Figur, ist aber doch zufrieden mit sich und der Welt, trotz mangelnden Erfolgs. Der einzige Unterschied: der eine ist sympathisch, der andere ein Arsch.

Heute an einem weiteren Feiertag in Palermo stellt sich mal wieder der von mir so benannte Homer Simpson-Effekt ein: der Palermitaner eilt nach draußen, wirft den Barbecue an, fächert sein Feuer bis zur Weißglut, trinkt ein Duff Beer oder auch ein Forst und macht eine sonderbar schlechte Figur. Weißer Rauch steigt auf, Rauchschwaden legen sich über die Stadt, Johannes Paul, Gott habe ihn selig. Vuole assagiare? Die zweimal tote Wurst kosten? No grazie, ho appena mangiato la pasta, grazie. Buona Grigliata!

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Doudou Diouf

Der polyphone Klangraum erweitert sich von Tag zu Tag um eine Stimme. Doch nicht nur Stimmen mehren sich in diesem Klangteppich. Gestern gesellte sich eine musikalische dazu: Doudou Diouf aus dem Senegal unternahm mit zwei palermitanischen Perkussionisten eine musikalische Reise durch Afrika. Wo hat sich die Combo getroffen? Im Ballarò natürlich! Ich sprach ihn nach dem Konzert an. Er ist zu allem bereit, findet die Idee toll. Vielleicht kann ich ihn ja auch mit Volker Stegmann zusammen bringen. Experimentelles Saxophon kombiniert mit afrikanischer Perkussion, senegalesischem Gesang, Gitarre. Der Ansatz ist schon mal nicht schlecht. Bunt, könnte man sagen.

Der Reisehalbleiter empfiehlt den Linksklick:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/imgespraech/1446352/

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Straßennamen

Die Straßen in Italien heißen für gewöhnlich Via Dante, Via Vittorio Emmanuele, Viale Libertà oder auch Via Roma, Via Trieste, Via Venezia, Via Firenze. In Palermo heißen die Straßen, wie schon Wiglaf Droste vor vielen Jahren festgestellt hat, allesamt Vietata L’Affissione. Treffen um ein Uhr Vietata L’Affissione Ecke Vietata L’Affissione. Wo befindet sich bitte die Via Vietata L’Affisione. Hier zum Beispiel.

http://www.musicload.de/wiglaf-droste/via-roma-ecke-vietata-l-affissione/musik/single/5253693_4

 

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Zufälle gibt es!

Da spricht man von einem Dokumentarfilm von Wolf Gaudlitz, trifft den Hausmeister und der redet von einem Film mit dem Titel Ballate Ballarò. Ich solle ihm den Film aus dem Amerikanischen ins Italienische übertragen. Er schiebt mir also die DVD unter dem Türschlitz durch. Ich wiederum schiebe sie in den Computer und was öffnet sich: der Dokumentarfilm von Wolf Gaudlitz aus den Achtziger Jahren.

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Pasta colle Melanzane alla Radek

Der Chef-Koch empfiehlt: man nehme eine große Aubergine, schneidet sie in daumendicke Würfel, brät sie in reichlich Olivenöl, jubelt Knoblauch nach Geschmack hinzu, ebenso Peperoncino, gibt eine Dose Pizza-Tomaten (Polpa) hinzu, lässt die Sauce reduzieren, rührt einen halben Bund frische Minze hinein, vermengt die Sauce mit einer al dente gekochten Pasta corta und lässt sie kurz durchziehen. Ein wenig Pecorino darüber. Saulecker!

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Zwi|schen|rech|nung, die: vorläufige [Hoch]rechnung.

Am Ostermontag geschehen erstaunliche Dinge. Rashid und Totò, Stammgäste aus der Taverna Azzurra, lümmeln im Ballarò herum. In der Vucciria ist auch an diesem Tag der Hund begraben, im wahrsten Sinne des Wortes könnte man meinen. Rashid aus dem Irak ist derart von meiner Konfessionslosigkeit begeistert, lädt mich zum Essen ein: La prossima domenica pranziamo insieme. Va bene, ma un’altra domenica, non quella che viene. Kerim treibt sich wieder vor der Bar Messina herum, eine Woche war er nicht zu sehen. Heute hält er lediglich einen Abstand von acht Metern zu der Wirtin unseres Vertrauens, er hat heftig mit ihr gestritten. So liegt es an mir, ihn mit Weißwein zu versorgen. Aufgrund der Feiertage ist das Moretti aus, Becks auch, das Holländer-Gebräu Heineken neigt sich dem Ende, nur das Forst ist noch in ausreichender Menge vorhanden. Was bleibt einem da anderes übrig, als der Gang zur Konkurrenz aus Ghana. Der Gute ist auch am kleinen Ostertag noch bestens sortiert. Bravo! Zeit also für eine Zwischenrechnung.

Als ich in der Bar Messina ankomme, finde ich Volker und Kerim vor. Wir unterhalten uns über den Prozessionszug. Kerim fragt mich höflich, ob er mich bezüglich einer Frage der Aussprache des Italienischen korrigieren darf. Non si dice proccesione, c’è che una C, processione, si pronuncia allora non forte. Volker sagt dazu, ja, wenn Du das C überbetonst, glauben die hier, du wüsstest nicht, wie sich das schreibt. Auch ich überbetone immer die Konsonanten. Gut, der aufmerksame Zuhörer nimmt auf und bessert sich. Volker zieht von dannen. Die Übriggebliebenen diskutieren noch einige grammatikalische Besonderheiten, ein Tunesier und einer, der von sich behauptet: faccia spagnola, testa tedesca. Irgendwann sagt Karim, è un proccesso mit betontem C, ma non si dice proccesso, si dice processo. Karim guckt etwas irritiert und realisiert seinen Lapsus, lacht laut los, wir klatschen ab und freuen uns über unsere Freundschaft. Nachdem er oft sagt, è un cretino, der ist ein Dummkopf, sage ich: Allora adesso voglio sentire una percentuale di persone che secondo te non sono cretini; ci sono allora più di seicentomila abitanti a Palermo. Er erwidert, sechs bis sieben, die nicht dumm sind. Prozent? No, in tutto! Wieder lachen wir uns kaputt. Die Erkenntnis: in der Bar Messina ist der Anthropologe zuhause, gibt Michele, dem sizilianischen Sattler, ein Küsschen hier, ein Küsschen da, sagt: buon giorno a tutti, grüßt die Wirtin, Signora Maria. Karim sagte, sie sei berühmt, hinter dem Tresen hat sie eine spanische Illustrierte, in der man von ihr erzählt, impressionante!

Edmond aus Ghana und sein sizilianischer Neffe Nino, der mit seiner Nichte verheiratet ist, spazierten über den Markt. Mit den beiden und auch mit der Nichte Zara habe ich auch schon tolle Gespräche geführt. Dann ist da noch Franky aus der Elfenbeinküste, er kommt vielleicht demnächst in die Abendschule zu Maria. Von ihr habe ich auch schon so manche spannende Geschichte gehört, die Bangladeshi werden sicherlich auch so manchen Schwank aus ihrem Leben erzählen, so auch Moustafa aus Afghanistan. Deborah aus Palermo arbeitet in der Bar an der Piazza Ballarò, hauptberuflich ist sie allerdings Tätowiererin.

Es ist piano, piano der Punkt erreicht, den Sony-Recorder zu pegeln, für das Feature Ballarò: Polyphoner Klangraum im Süden. Ich wage die Behauptung, meine These sei verifiziert. Alle leben miteinander, nähern sich nicht nur sprachlich. Sono contento! Inzwischen erklärt sogar Karim seinen arabischen Freunden die Idee dieses Projekts, toll.

Die Audio-Seite ist aktiv, heute ist ein neuer Beitrag dazugekommen, die Fotos werden von meinen geschätzten Lesern gelobt, auch die Radiobeiträge finden Interesse, die Wortbeiträge im Blog waren zunächst lediglich Beschreibung des Tagesablaufs, sind inzwischen kritischer geworden, behandeln auch soziale Probleme. Na ja, über Ostern hat ja eh keiner Zeit, vor allem nicht in Bremen, wo die Sonne im Zenit steht, da kann man den inhaltlichen Anspruch auch mal schleifen lassen. Sono contento.

Was bisher fehlt, ist die finanzielle Einbindung in den Wissenschaftsbetrieb, da fällt hoffentlich bald eine positive Entscheidung von Seiten des DAAD. Des Weiteren sollen die Audiobeiträge nicht nur auf dieser Seite zu hören sein, sondern auch gegen Gage im deutschen Radio, dafür bedarf es noch einer gewissen Überarbeitung. Vielleicht muss ich mir für die nächsten Beiträge ein Studio suchen. Schließlich ist beim Sprechen wichtig, auch zu gestikulieren, so wie man halt spricht. Das ist allerdings etwas schwierig unter einer Wolldecke. Außerdem steht noch auf der Agenda, mal einen Artikel zu schreiben. Sei es sozialkritisch für die Jungleworld, habe inzwischen einen Kontakt, die haben schließlich keinen wirklichen Italienexperten, oder sei es für wen auch immer.

Die Woche muss ich unbedingt meine wissenschaftliche Betreuerin vor Ort kontaktieren, schließlich wollte sie mich in ihr Kolloquium einführen. Cirus Rinaldi, der Wissenschaftskollege, will auch mal angerufen werden. Auch hier fehlt noch der regelmäßige Kontakt: Fondazione Ignazio Buttita, Dottor’ Blando…

Aber es sind nicht nur diese Dinge, die mich glücklich machen. Ich bin ausgeglichen, habe an so manchem persönlichen Defekt gearbeitet, auch dank meiner neuen Freunde, mache die Dinge, die mir Freude bereiten, ohne dabei auf der faulen Haut zu liegen. Jetzt muss ich nur noch anfangen, die versprochenen Postkarten zu schreiben. Un saluto a tutti! E grazie a tutti che seguono queste pagine! Grazie besonders auch an Manfred Schlei, der meine skurrilen Webdesign-Vorstellungen realisieren muss. Grazie Zio per le correzioni. Grazie per le critiche a tutti. Merci! Danke. Basta.

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Käsetrommeln

Buona Pasqua! Frohe Ostern!

Bis ein Uhr mittags ist hier alles wie immer. Die Mopeds drängeln sich durch den schmalen Gang auf dem Ballarò. Der Käsehändler trommelt auf einer Käseattrappe herum, alles normal. Wenn sie das nicht täten, könnte man fast meinen, Himmel was ein Käse!

Dann aber passiert gar nichts mehr. Die Bevölkerung Palermos drängt nach draußen, vor die Tore, schließlich ist es italienische Tradition, am kleinen Ostertag irgendwo totes Fleisch ein weiteres Mal zu töten. Sie werfen es auf einen recht heißen Grill. Auch auf den Dächern zeigen sie sich plötzlich und wedeln ihren Grill bis zur Weißglut.

Was bleibt also den weniger christlich Orientierten als sich in die Sonne zu setzen und über “Gott und Welt” zu plaudern. So geschehen heute Nachmittag. Protagonisten: ein Anthropologe, zwei deutsche Freunde, drei Tunesier, der Osterhase hatte sich irgendwo versteckt. So wie der gestrige Eintrag in diesem Blog, er ist nicht mehr zu finden, weg. Vielleicht hat ihn ja der Hase mitgenommen…

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Des arabischen Rätsels Lösung

Das Schachbrett!

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