Kakophonie? Naaa, ah geh!

Der noch immer nicht entwirrte Reisehalbleiter denkt nach. Ein sehr charmanter Franzose erwiderte mir bezüglich meines Forschungsfeldes, ob dieses nicht eher kakophon denn polyphon sei. Lachen erlaubt. Hier eine kurze Abwägung der Verhältnisse.

Karim ist ein Mensch, der, wie er sagt, bei seinem Spaziergang einer kleinen Gruppe von Tauben ausweicht, um sie nicht beim Aufpicken irgendwelchen Unrats zu stören. Er sitzt nahezu täglich in der Bar Messina, hilft aus und ist präsent. Sobald es zu Problemen kommt – Gockel trifft auf Gockel – schreitet er ein und obwohl er nichts mit diesen Menschen zu tun hat, schmeißt er sich dazwischen und schlichtet die Kampfhähne, beeindruckend. Er sagt von sich, dass er irgendwann den falschen Weg gewählt hat, aber nicht die cattiva strada, nicht die böse Straße, sondern die schlechte, die Armut. Vom Geiste her ist er unglaublich reich. Er legt zwar Verhaltensregeln an den Tag, die dem ungläubigen Thomas nahe kommen, aber er ist immer in der Lage eine geistreiche Diskussion zu führen. Zum Beispiel erwiderte er auf die Frage, ob Nino vielleicht Rassist sei: No, non è un razzista, è un cretino! Nino ist also kein Rassist, sondern ein Schwachkopf, selbstredend schließt das eine das andere nicht aus, oder besser bedingt das eine das andere. Allora Karim è un bravo ragazzo!

Edmond, dem zweiundsiebzigjährigem Ghanaer, ging es heute nicht gut. Er hat die Nacht gebrochen, nichts gegessen und überhaupt. Der Wohlerzogene ging also in den nächsten Alimentari und besorgte ihm das deutsche Gegenmittel: Salzstangen gab es nicht also TUC plus eine ungekühlte Coca Cola. Ob es ihm geholfen hat, non si sa, er war am Nachmittag nicht mehr zu sehen. Wollen wir mal hoffen, dass das Kinderrezept geholfen hat. Edmond, auch Ofa, Onkel, genannt ist ein herzensguter Mensch. Er sitzt nahezu den ganzen Tag an seinem Platz und liest Zeitung oder Bibelauszüge, raucht eine selbstgedrehte Samson oder trinkt gemäßigt einen leichten Rotwein. Selbst nicht viel jüngere Italiener, also Sizilianer fragen ihn, ob der Stuhl neben ihm frei sei, ob sie sich setzen könnten, prego!

Ofa, der von nahezu allen Ghanaern so genannt wird, auch wenn er sicher nicht so viele Neffen oder Nichten haben kann, ist eine Art Häuptling oder auch weiser Mann. Er duldet es nicht, wenn ihn irgendwer dumm von der Seite anspricht, You ask me papers???!!!! Frag mich nicht nach Blättchen, um Dir einen reinzuziehen. Frag mich nicht nach Geld, für mehr Alkohol, Du bist ja eh nur besoffen, trink weniger. Er weist die Menschen um sich herum daraufhin, wer zuerst zu grüßen sei, die Frau. Er instruiert seinen italienischen Neffen, seiner Freundin einen Kuss zu geben. Er ist der weise Mann, eine Respektsperson nicht nur für die Migranten. Er verkörpert Edelmut, auch wenn das kitschig klingt.

Heute hat der Dreher erstmals einer Frau in der Bar Messina eine Samson gereicht. Ohne Filter? Tela faccio io! Oh, die schmeckt ja wie mit! Das Geheimnis ist der frische Tabak. Sie war glücklich, ich war glücklich. Es gibt doch tatsächlich Frauen in der Bar Messina, neben der ungebrochenen Wirtin Maria versteht sich, die das Lokal zähmen. Positive Aspekte immer wieder und es ward Licht.

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Erziehung erwünscht

Der Reisehalbleiter ist keiner, der die Verhältnisse vor Ort schön redet. Stattdessen klagt er an: all diejenigen ungezogenen Gören, die von morgens bis abends auf einem Minimoped nichts anderes tun, als ihren Machovorbildern schon im Alter von fünf bis sechs Jahren nachzueifern, all diejenigen, die lediglich die Mama oder Signora als Frauenrespektsperson sehen, all diejenigen, die nichts anderes im Sinn haben als die Frauen mit ihren gaffenden Blicken in ihre Geschlechtsmerkmale aufzuteilen, all diejenigen, die um ein Stück Brot zu holen, ein wie auch immer geartetes motorisiertes Gefährt in Bewegung setzen, all diejenigen, die statt den Verstand einzuschalten, die Stimme bis zu ungeahnten Lautstärken erheben, all diejenigen die meinen hupen zu müssen, nur um zeigen, dass sie da sind, all diejenigen, die ihr motorisiertes Gefährt bis in Bars hinein geleiten müssen, um auch ja Aufmerksamkeit zu erhaschen, all diejenigen, die sich nur aus Ehrgefühl mit anderen Gockeln rangeln. Eine andere Erziehung täte denen mal ganz gut. Elendes Machogehabe, fort damit! Wenn ein Kino damit wirbt, dass die jungen Frauen sich dem Film hingeben können, während oder damit der Machogeier sie ungestört begaffen darf, dann, ja dann wird einem ganz übel und schließlich kotzt einer ganz gewaltig: der Reisehalbleiter. Mi dispiace. Gebt diesen verdammten Jungs was zu tun.

Das denkt sich auch Volker, der sich als Musikpädagoge engagiert. Sein Projekt: ein Orchester im Ballarò auf die Beine stellen. Vermutlicher Name des Orchesters: Banda Disarmata! Anstatt schon in jungen Jahren zu Kleinkriminellen und Schwachsinnigen zu mutieren und eben auch das zu bleiben, sollen die Kinder lernen Probleme anders zu lösen, als auf dem Wege, den sie bis heute kennen. Unterstützt wird das Projekt von der Chiesa San Saverio, von Don Cosimo Scordato. Es gab schon mal einen Deutschen in diesem Viertel und es gibt ihn noch: Wolf Gaudlitz. In den achtziger Jahren hat er einen Dokumentarfilm gedreht. Es gab damals nicht einen Schwarzafrikaner im Viertel zu sehen, maximal drei Tunesier. Das hat sich geändert. Anfang zweitausend hat Wolf Gaudlitz einen Spielfilm gedreht, der – wie ich glaube – durch eine Stimme aus dem Off zu einem Ganzen wurde: Palermo flüstert. Wenn es einem gelingt, die Stadt Palermo flüstern zu lassen, dann kann das nur jemand, der die Stadt gut kennt und mit vorherigen, preisgekrönten Filmprojekten, sich dem Phänomen Sizilien und Palermo genähert hat, in sie eingetaucht ist. Regisseur Wolf Gaudlitz lebt schon lange in Sizilien und Palermo. Chapeau vor dieser Leistung!

Heute machte der ehrenamtliche Nachhilfelehrer, der freischaffende Radioreporter, Reisejournalist und Fotograf, der forschende Wissenschaftler und Anthropologe mit Namen Javier Gago Holzscheiter einen Ausflug in den Borgo Vecchio, dem alten Hafenviertel der Stadt, auf der Suche nach etwas weniger Lärm. Dort musste der mit Schizophrenie und Wahnsinn kämpfende bedauerlicherweise feststellen, dass der Essenstipp keiner mehr ist: Mamma Carmela und ihre Tochter haben die Schürze an den Nagel gehängt. Soweit ich erfahren konnte, gab es ein kleines Feuer in der Küche, die Renovierungskosten wären wohl zu hoch gewesen. Mi dispiace. Aber es gibt ja nicht nur Empfehlungen, Reiseführer oder Halbleiter, es gibt immer auch die Möglichkeit in einem Weinausschank den Wirt nach seinem persönlichen Tipp zu fragen: Da Pino in Piazza L. Sturzo! Gutes Essen, das Personal bestand allerdings, wo ich gerade darüber nachdenke, nur aus Männern, vielleicht haben die ja das Feuer gelegt…

Am Hafen ließ sich ein wenig Reiseatmosphäre schnuppern, Vorsicht vor den Schiffschrauben, war da am Schiffsheck zu lesen. Sind die Menschen hier tatsächlich so dumm, dass man ihnen diesen Warnhinweis geben muss? Ein etwas konsternierter und irritierter Bremer schlenderte durch die Gassen, genoss noch einen Espresso in seiner bevorzugten Bar nahe der Vucciria, plauderte noch ein wenig mit Michele dem Juniorwirt aus der Taverna Azzurra, machte schließlich einen großen Bogen um den polyphonen Klangraum und zog sich in sein Schloss zurück. Ruhe, zumindest für heute. Resümee des Tages: es gibt einiges zu tun! Morgen zum Beispiel, wieder das Positive sehen.

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Trunken vor Glück

Edmond saß mit seinem Neffen auf der Piazza Ballarò. Nino, Sizilianer, ist der Mann seiner Nichte aus Ghana. Sie verbindet der Glaube an Gott. Mit dem Heftchen La Domenica teilen sie die Liebe zu Jesus und zu sich, lesen sich noch nach dem sonntäglichen Zeremoniell Abschnitte gegenseitig vor. Mit einer gigantischen Auflage wird es in nahezu allen Kirchen Siziliens verteilt. Stets beinhaltet es den Verlauf der Messe, stets lässt sich ein Auszug der Bibel darin finden, nur ein kleiner Teil der Messe wird von dem entsprechenden Pfarrer personalisiert. Man kann dort nachvollziehen, wann der Gläubige sitzen zu bleiben hat, wann er aufzustehen hat. Ob die beiden vom Weihrauch benebelt oder einfach nur trunken vor Glück waren, das war nicht nachzuvollziehen. Sie hatten die Messe in der Chiesa del Gesù verfolgt, da war wohl mehr los als in der Chiesa Carmine.

Statt Einkäufe zu tätigen, betrat der Reisehalbleiter also die Kirche an der Piazza Carmine, die mit ihrem Markt für gewöhnlich soviel Action bietet, dass Sakrales links liegen bleibt. Auch hier: die Messe. Anwesend: zwölf Fedeli. Trotz massiver Wände ließ sich das Markttreiben auch am Sonntag nicht aus der Kirche heraushalten. Un Euro, tutto un Euro hallte es durch die schwere Holztür. Linkerhand, während die Messe gelesen wurde, richtete der Küster oder wer auch immer die Kirchenglockenreißleine. An ihm vorbei erschloss sich ein wunderbarer Kreuzgang, in dem eine Gruppe internationaler Studenten Alle Fische fliegen hoch spielten. Farfalla, Schmetterling, rief eine, alle sprangen hoch und zeitgleich schlug es elf Uhr, einige lachten, ich ging meines Weges, traf Marta mit ihrer Mutter. Wir sammelten den Vater ein und spazierten über den Flohmarkt. Das Mittagsmahl bei Totò in der Vucciria war gut, die Organisation mangelhaft, dadurch hatten wir eine Menge Zeit uns zu unterhalten, wunderbar. Emilio ließ sich überzeugen, noch einen Gang durch die Vucciria in den renovierten Yachthafen zu machen, die Mädels ruhten sich zu Hause aus.

Heute Abend wartet das ballarotische Afrika, Waka Waka, der südafrikanische WM-Soundtrack, erfreut sich hier großer Beliebtheit. Bei der Atmosphäre hört sich der Song sogar ganz gut an.

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Zurück im Feld

Edmond fragte: Where have you been? Der Wiedergekehrte: Oh, there were some friends of mine!

Zuvor galt es den Monte Pellegrino zu erklimmen. Dabei huschte ein Fahrer vom Team Milram an dem vorbei, der bis dato nie überholt worden war. Im Rücken hörte ich ein S, als er an mir vorbei war, vernahm ich ein E. Zusammen genommen hörte ich ein Salve! Der vorher noch Führende stieg in die Pedale und versuchte die Gelegenheit des Windschattens zu nutzen, keine Chance. Kurze Zeit hielt der Verfolger noch mit und gab resigniert auf. Trainieren, Junge! Nicht pausieren! Oben angekommen zeigte sich das Meer in seiner vollen Pracht, wundervolle Farben von Grün und Blau ergaben sich beim Blick hinunter. Der Ort an sich ist, wie unterhalb zu sehen, zwar ein Ort der Zuneigung, nicht aber in dem Sinne, dass es dort oben schön sei. Hier zählt die Symbolik wie die Graffitis zeigen, Du bist die Beste, Ich liebe Dich, Ich will Dich für immer. Ein Ort der Liebe, der offensichtlich auch für körperliche Zuneigung genutzt wird. Der Weg zurück führte über den Hafen. Jetzt eine kleine Schiffsreise, das wäre was. Aber: die Arbeit ruft.

Zurück im Feld gab es zunächst einen Caffè Stagnitta, ein Plausch mit Edmond, mit Karim. Dann galt es die Waschmaschine von Marta zu befüllen. Wir verließen gemeinsam das Haus, sie ging in die konsekrierte Kirche Don Giovanni Decollato. Dort konferierte man über die Queer-Familie, Marta spazierte hinein. Volker kam zufällig vorbei und zeigte dem Reisehalbleiter seine Wohnung, die ehemalige Pfarrerswohnung. Wenn die mal gesagt hätten, dass da heute diese Veranstaltung ist, hätte ich mal die Galerie aufgeräumt. Die Zuhörer waren allerdings so konzentriert bei dem Thema, dass sie scheinbar die Galerie nicht sahen. Beati voi! Ihr Glücklichen.

Die Wäsche wartet. Edmond wartet.

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It’s a woman’s world!

Fui, fosti, fu, fummo, foste, furono. Asif aus Bangladesh wiederholte einige Male diese Vergangenheitsformen des Seins. Er machte seine Aufgabe gut. Wenn einer der Schüler keine Hausaufgaben hat, greift der Lehrer zu den Konjugationstabellen. Ob er mit dem Studium des Passato Remoto in seinem weiteren Leben etwas anfangen kann, wird sich zeigen. Er müsste italienische Literatur oder dergleichen studieren: Il fu Mattia Pascale. Luigi Pirandello, der italienische Nobelpreisträger, schrieb vor vielen, vielen Jahren diesen Roman: Es war Mattia Pascale. Der Protagonist unternmmt eine Reise nach Südfrankreich. Er gewinnt dort im Casino eine Menge Geld. Im Zug nach Hause liest er in der Zeitung von seinem Tod, da man fälschlicherweise eine Leiche als eben seine identifiziert hatte. Er entschließt sich kurzerhand, ein neues Leben zu beginnen, fern seiner Familie, fern seiner Freunde und stellt im Laufe der Zeit fest, dass er ohne diese nur eines ist: niemand!

Nach Tagen männlichen Gehabes folgt eine mentale Kur: ab in die Galleria d’Arte Moderna. Dort traf ich Letizia Battaglia, schließlich war sie die Protagonistin des Nachmittags: Präsentation ihrer Biographie. Männeranteil circa fünf Prozent, ideale Vorraussetzungen! Es ergab sich mir die Gelegenheit mit vielen interessanten, intelligenten Menschen zu sprechen, so mit ihrer Tochter Patrizia und einer ihrer sehr guten Freundinnen Gigi. Wir stellten fest, dass wir gemeinsame Bekannte haben, unter anderem Marta und Carmela. Alberguerilla, im Kampf gegen realen Unrat in welchem Aggregatszustand auch immer, sie kämpfen im Untergrund, richten verdreckte Ecken her oder veranstalten Theaterveranstaltungen vor Supermärkten. Sehr angenehmer Nachmittag mit Letizia! Aus Ermangelung eines Moretti tranken wir ein kleines Beck’s, Bremen verheißt ja schließlich gute Erinnerungen an die Stadt mit dem Schlüssel im Stadtwappen. Vor der Buchpräsentation machte sie mich darauf aufmerksam, dass das Museum ein Gefängnis sei, man darf nicht rauchen! Der Genesene wird bei Maria vom Santa Chiara erfragen, wo sie ihre „elektronische“ Zigarette her hat.

Paolo aus Rom schimpfte über den Zustand seines Landes. Die Deutschen an sich sagen in solchen Fällen: Italien ist ja so schön, aber diese Italiener. So denkt Paolo nicht nur über die Sizilianer, sondern über alle Italiener. Die Hoffnung stirbt zuletzt, dass die Italiener etwas mehr Geld in ihr kulturelles Erbe investieren. Palermo könnte eine der schönsten Städte Italiens sein.

Letizia beendete die Konferenz, in dem sie aufstand und ging: Ed io faccio la pipi! Im Hintergrund zeigte man noch ein Video, wie sie vor einigen Jahren durch Palermo spazierte. Ja, Sie können ihr gleich noch Fragen stellen, sagte die Moderatorin. Rechnung ohne den Wirt gemacht, schließlich wollte sie raus aus dem Knast…

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Mangi quello che vuoi

Das Leben als Reisehalbleiter ist nicht das leichteste. Bei der Anpassung an die Reisenden muss der Halbleiter Flexibilität beweisen. Die Präsentation zweier Filme im Goethe-Institut hätte ich mir sparen sollen. Einerseits, weil ich keinen Platz mehr ergattern konnte, andererseits, weil meine Gäste ohne ihren Reisehalbleiter sonderbare Dinge unternahmen und die Verkehrsmittel unterschiedliche waren. Ich auf dem Fahrrad, die beiden im Taxi oder zu Fuß. Nun, alle haben die Nacht heil überstanden. Heute stärken wir uns im Rosa Nero und schaffen es vielleicht heute an den Strand.

Gestern aß man was man wollte, Probleme bereitete das nicht: der Palermitaner sagt schließlich: Mangi quello che vuoi, vestiti come piace agli altri! Iß’, was Du willst, kleide Dich, wie es den anderen gefällt. An der Porta Carini gab es also statt Panino all’Amburgher, Fleischplatte. Das, das und das! Va bene. Ein paar Artischocken dazu, saugut.

Das vorgefertigte Formular nomi, cose, città flatterte an unseren Tisch, einige Kinder waren unachtsam mit ihren Papierblöcken. So spielten wir kurzerhand Stadt, Land, Fluss. Der Barista holte Eis von der Bar gegenüber: ein guter Tag für ihn.

Ich beschloss noch mit Volker, den ich im Institut traf, einen Zingarelli oder irgendein anderes Wörterbuch in der Bar Messina unterzubringen. Karim ist schließlich Thomas der Ungläubige: Volker erklärte ihm am Sonntag die Wortherkunft der Caponata. Karim glaubte ihm aber nicht, dass der billige Fisch, il capone, den man mit der Caponata wie sie heute gegessen wird aufpeppte, der Ursprung des Wortes ist.

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Call your Màmi, Edmond

Ballarò in der Früh. Edmond hat seinen Stammplatz hergerichtet. Shakla hilft dem Fleischer beim Aufstellen seines Tresens. Nachts parkt er diesen in der Garage nebenan. Jedes Geschäft hat im Prinzip zwei Räume a Ballarò. In einem werden die Waren gelagert, in dem anderen der Tresen. Daher gewinnt der Passant den Eindruck, dass es einen gewissen Leerstand gäbe. Weit gefehlt! Nur wenige Geschäfte müssen ihren Tresen, der tagsüber auf dem Gehweg steht, in den Verkaufsraum stellen. Das wiederum ist eine logistische Meisterleistung. Erst die hundert Wasserflaschen zurück in den Laden, dann die Kisten, dann über die Rampe hinein mit dem riesigen Tresen, rums.

Edmond trinkt morgens keinen Caffè, er bevorzugt das kühle koffeinhaltige Getränk. I want to call my mami, but i have no money. Could you help me? Auch ich versuchte heute Morgen meine Mami anzurufen. Wenn also der zweiundsiebzig-jährige Edmond seine Mutter in Ghana anrufen will, sage ich bestimmt nicht nein. Two Euros for a call, here you are, salute your Mami. Helena heißt sie und ist fast neunzig Jahre alt. Ihre sechs Kinder rufen sie auf ihrem ghanaischen Mobile an, twenty cents per minute.

Giuseppe ist schon am Morgen fleißig und desinfiziert die Blumenkübel. Man könnte sagen, er habe einen Erziehungsauftrag, desinfiziert nicht nur, sondern hängt auch überall Schilder an die Hauswände: keine Kippen in die Kübel, incivili quelli che buttano la spazzatura. Mein Nachbar lebt in diesem Haus schließlich seit siebenunddreißig Jahren. Io non c’ero nel millenovecentosettantaquattro! Allora buona giornata , Giuseppe, io vado al mare. Ci sono ospiti tedeschi. Buono giornata anche a voi!

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Pastore: Schäfer oder Schäferhund

Nach dem Eigentor von Balzaretti verliert U.S. Palermo das Derby gegen Catania Calcio 0:4, glücklicherweise nicht vor heimischem Publikum. Mein Namensvetter Javier Pastore aus Argentinien kann die Schmach auch nicht abwenden. Rosa Nero trauert. Den Jungs in der Bar Messina ist es gleich. Salute! Prost und/oder auch Gesundheit! Ich arbeite eifrig an meinen Audiobeiträgen. Allora non ci sono novità…

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Ragazzi di strada

Die Sonne scheint auch heute. Drei Jungs spielen wie gewohnt in den Straßen von Palermo. Auf dem Weg zu Pippo „Seilbahn“ Caruso muss der Fahrgast eine kleine Treppe bewältigen. Dort spielen die Jungs Fußball nach ihren eigenen Regeln. Der Ball wird in Torwartmanier hoch gedroschen. In den meisten Fällen prallt er irgendwo ab und fliegt zurück zum Schützen. In Ausnahmefällen passiert es, dass der orange Ball nicht zurück will und sich in dem Vorhang eines Balkons einnistet. In diesen Fällen klettert der etwas größere Ragazzo die Hauswand hoch, zieht sich an dem Fenstersims hinauf, um schließlich an dem bösen Vorhang zu ziehen, so dass der Ball wieder ins Spielfeld zurück fällt. Prego, non c’è di che. Gern’ geschehen!

Der Caffè Stagnitta schmeckt auch am Sonntag ganz vorzüglich. Edmond, Tonnino und Karim grüßen herzlich, man plaudert ein wenig und genießt das gute Wetter. Das Los ist gezogen, der Gewinner erhält keinen Tabak, sondern den Fisch des Tages. Da der Tabakkonsum in der Piazza Ballarò aber dermaßen gestiegen ist, nutzt der Gönner und Feldforscher, seine Seilbahn, um zum Bahnhof zu gelangen: dort gibt es auch am Sonntag Frischware. Im Tabacchi angekommen erklärt er den beiden Individualtouristen Rosi und Margherita aus Berlin den Fahrkartenautomaten di Trenitalia, weist sie in die Tücken des Busbahnhofs ein und erklärt ihnen den Weg zum archäologischen Museum. Für diese Reisehalbleiterdienste legt Rosi einen Fünfer in die hohle Sandhand: mein erstes verdientes Geld vor Ort! Diese Quelle anzuzapfen ist mir schon vorher in den Sinn gekommen, liegt ja nahe. Demnächst wird es also auf diesen Seiten auch einen Dienstleistungslink geben, dort wird der Reisende  eine bunte Auswahl an Reisehalbleiterdiensten vor Ort finden. Merci! Da die beiden aber gar keine Internetaffinität besitzen, muss noch etwas anderes her: Visitenkarten oder kleine Flyer! Denn die Touristen vor Ort sind ja schließlich auch Ragazzi oder wie in diesem Fall Ragazze di strada, wenn sie nicht in irgendwelchen Museen herumschleichen. Also kommt, kommt, venite, venite, sono quà, hier bin ich! Für heute allerdings an meinem neu eingerichteten Arbeitsplatz auf der Terrasse, wo die Musik in den Straßen schallt. Buon divertimento, viel Spaß!

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Die Neune gerade sein lassen

Der Tag begann mit einem Einkauf auf dem Markt. Ich nutzte den neu eingerichteten Seilbahnservice, bewaffnete mich mit meiner Kamera und machte einen flotten Gang über den Ballarò. Dort unternahm ich den Versuch, nicht jede Ware zu 1€ al kilo, sondern stattdessen Birnen mit Orangen, Zucchini mit Auberginen, Basilikum mit Petersilie zu kombinieren. Das gelang einigermaßen. Wohlwollen von Seiten der Marktschreier gewann ich allerdings nicht. Beim nächsten Mal mache ich wieder den einen Euro voll. Meine Vermutung, die Zeitungen gingen ausschließlich in Druck, um auf dem Ballarò mit Gemüse befüllt zu werden, scheint sich zu bestätigen. Als ich das Foto knipste, schritt der Marktschreier ein und verlangte, ich solle gefälligst ein Foto von ihm machen und nicht von diesen Gemüsetüten. Fatto, erledigt. Ich bewunderte noch die, wie ich sie nenne, ballarotische Neun, die dem Kunden suggeriert, wie günstig doch die Waren sind, faszinierend: Nove, c’è scritto. Neun, steht da doch!

Am Mittag gönnte ich mir mal wieder ein kleines Mahl im Rosa Nero, diesmal gab es den Calamaro ripieno. Ich machte noch einige Audioaufnahmen und staunte über zweierlei Dinge: zum einen, welch Revolution, gab es im Rosa Nero keine rosa Tischdecken wie üblich, sondern grün-weiße! Wenn das mal kein Zeichen ist (kaum schreibe ich diesen Satz, fällt der Ausgleich!). Zum anderen entdeckte ich das Wahrzeichen der Via Veneto, den Gockel, der sich lautstark der heute autofreien Via Maqueda näherte.

Zurück zum Zeitungswesen: ich verbrachte heute morgen fast drei Stunden auf der Piazza Ballarò als Ethnograph. Ich bewegte mich von der Sonne in den Schatten, von Edmond zu Menir, der tatsächlich Karim heißt, und drehte denen ihre heiß geliebten Zigaretten, beobachtete die Szenerie und unterhielt mich hier und da. Edmond hatte eine Zeitung bei sich, ich fragte ihn, ob ich sie mir leihen könnte. Yesterday’s newspaper! Macht ja nichts. Ich studierte die dramatischen Ereignisse, die sich am Vorvortag in Lampedusa abspielten und freute mich, dass Edmond sich über das Weltgeschehen informiert. Er geht nahezu täglich zum Barbier, nicht um sich rasieren zu lassen, sondern um dort yesterday’s newspaper zu ergattern: der Giornale di Sicilia wird gelesen! Auch wenn er häufig nur dasitzt, seine zehn Finger lässt er nicht gerade. Bravo!

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